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KIRCHENRAUM UND KUNSTOBJEKTE
Kirchenraum und Kunstobjekte
In der St.-Reinoldi-Kirche befindet sich heute noch eine Reihe außerordentlich prächtiger Objekte, die sich trotz vieler Kriege, Unruhen und veränderter religiöser Ausrichtung seit dem späten Mittelalter erhalten haben. Die meisten wurden zur Ausstattung des neu gebauten Chores (1421-1450) vom Rat bzw. den einflussreichen Dortmunder Bürgern für diesen Ort gestiftet. Bei bedeutenden lokalen und europäischen Werkstätten in Auftrag gegeben oder gekauft bezeugen sie allein durch ihre Anwesenheit, die städtische Anspruchshaltung, ein Knotenpunkt im europäischen Machtgefüge zu sein.

Neben ihren konkreten Funktionen, z.B. bei der Liturgie oder als Schmuck für das Gotteshaus bzw. das Haus des hl. Reinold, waren diese Objekte auch Ausdrucksträger städtischer und familiärer Repräsentation und Memoria. Sie richteten sich somit einerseits an die Heiligen und Gott sowie andererseits an die Zeitgenossen, wie den König, den Erzbischof, Handelspartner und -konkurrenten und die eigene Familie.

Noch aus der alten Kirche vor dem Chorneubau, wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, stammt die hölzerne Reinoldskulptur an der Nordseite des Choreingangs. Das Foto kann die Wirkung dieser imposanten Skulptur nur schlecht vermitteln. Überlebensgroß und über Kopfhöhe steht der heilige Reinold an der Schwelle zum Chor. Auf ein mit Adler und Löwen geschmücktes Säulenpostament aufgestellt, bekrönt von einem hölzernen Baldachin, ist er an die Gemeinde im Langhaus gewandt.

Die Skulptur dieses ritterlichen Stadt- und Kirchenpatrons stellt dessen schützend-wehrhafte Taten vor Augen. Reinold scheint die im Chor stattfindenden liturgischen und ratspolitischen Handlungen, Objekte und Personen – und damit stellvertretend ganz Dortmund – zu beschützen.

Während die Reliquien des Heiligen die meiste Zeit über in einem heute verlorenen Schrein verschlossen waren und nur zu bestimmten Anlässen gezeigt und umhergetragen wurden, war und ist diese Skulptur jederzeit jedem sichtbar. Ihre heutige Holzsichtigkeit ist das Ergebnis mehrerer Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ursprünglich wird die Skulptur vollständig bemalt gewesen sein.

Die hölzerne Skulptur Karls des Großen, an der anderen Seite des Choreingangs, wurde Mitte des 15. Jahrhunderts hinzugefügt. Indem hier die oberste weltliche Herrscherinstanz in der Person Karls des Großen anwesend gemacht wird, stellte sich die Dortmunder Stadtgemeinde über die Jahrhunderte neben Reinold auch in den Schutz und die Gefolgschaft des Kaisers. Es ist Karl der Große, der hier Reichsapfel und Szepter in Händen haltend, mit Bügelkrone, Rüstung und kostbarem Umhang bekleidet unter einem Baldachin postiert ist.

Das Säulenpostament, auf dem der Kaiser steht, schmückt u.a. ein Engel, der das Reichsadler-Wappen vorzeigt. Karl der Große wurde seit 1165 auch als Heiliger und in Dortmund legendär als Gründer der Reinoldikirche verehrt. Die Skulptur ist überlebensgroß und schon von der Ferne her sichtbar, so dass im Mittelalter jeder, der die Kirche betrat, sie direkt sehen konnte. Die mächtige Erscheinung des Kaisers entfaltet sich vollständig, wenn man einmal nah unter die Skulptur tritt und hinauf in den Baldachin schaut. Auch diese Skulptur war wie die Reinoldskulptur ursprünglich farbig gefasst.

Ein weiterer Ort, an dem Karl und Reinold im Chor dargestellt und damit anwesend gemacht wurden, ist das Chorgestühl, das sich an der Nord- und Südwand des Chores befindet. Es wurde spätestens 1462 von einem Schnitzer namens Hermann Brabender gefertigt, der wahrscheinlich für diesen Auftrag nach Dortmund geholt wurde.

Das Gestühl bietet 42 Personen Platz. Wahrscheinlich saßen bzw. standen die Dortmunder Ratsherren im Mittelalter während der Messe auf der Nordseite neben den von ihnen verwalteten Reliquien des heiligen Reinold, während die Kleriker der Kirche sich auf der Südseite des Gestühls einfanden.

Auf den Außenwangen befinden sich Darstellungen des Kaisers und Reinolds, Maria und Gottvater/Jesus sowie weitere Heilige, wie Pantaleon, Quirinus von Neuss und Antonius der Eremit.

Zahlreiche Tiere, Pflanzen und Mischwesen zieren die Handknäufe, kleine z.T. derbe Szenen befinden sich an weniger auffälligen Plätzen, wie den Innenwangen. Dieser Schmuck ist auf einen Vollzug mit mehreren Sinnen angelegt und so lohnt es sich, sich ins Gestühl zu setzen, die Händen auf die Handknäufe zu legen und mit den Augen die vielen Darstellungen aufzusuchen, die einstmals die Kleriker und Ratsherren vor sich hatten.

Im 1456 fertiggestellten Reliquienhaus, direkt neben der Chorgestühlsseite des Rates, wurden bis ins 17. Jahrhundert hinein die Reliquien des hl. Reinold und weiterer Heiliger in mehreren Reliquiaren verwahrt.

Überliefert ist ein großer silberner vergoldeter Schrein aus dem 13. Jahrhundert sowie ein silbernes Büstenreliquiar, das laut Inschrift auf der Rückseite 1324 geschaffen worden war.

Der bärtige Kopf des Heiligen wies ein Fensterchen auf, durch das hindurch man die Schädelreliquie Reinolds sehen konnte. Das Reliquiar war mit Korallen, silbernen Kettchen und angehängten Münzen geschmückt und wurde in einem Ledersack verwahrt.Gegenüber des Reliquienhauses wurde die geweihte Hostie im heute noch dort vorhandenen Sakramentshaus verwahrt.

Das Retabel auf dem Hochaltar ist eines der kostbarsten Objekte der Kirche. Es stammt aus Brüssel und/oder dem flämischen Brügge und wurde um 1420 gefertigt. Von wem es gestiftet wurde ist nicht überliefert. Am wichtigsten Ort der Kirche, dem Hochaltar des neuen Chores, wies die Hansestadt Dortmund als ökonomisch mächtige Stadt aus.

Mittels der Stiftung solch kostbarer Kirchenobjekte präsentierte sich Dortmund vor Gott und gleichzeitig auch kulturpolitisch als mächtige Stadt. Das Retabel ist heute dauerhaft geöffnet und zeigt Szenen aus dem Leben Christi und Mariens.

Der Mittelteil mit geschnitzten Figuren hat die Kreuzigung Christi zum Thema. Alle Figurenszenen werden jeweils hoheitsvoll von einem Baldachin überfangen. Die trauernden Marien (s. Detail) und die Soldaten flankieren die zentrale Kreuzigung. Die Aposteln umrahmen diese in Zweiergruppen stehend an den Seiten.

Alle Figuren sind in Physiognomie, Mimik und Kleidung überaus detailreich und fein geschnitzt und vermögen den fernen, wie den nahsichtigen Blick auf sich und damit auf das vor Augen geführte Thema der Kreuzigung zu konzentrieren. Auf den oberen beiden gemalten Auszügen sind die hl. Katharina (links) und die hl. Barbara (rechts) dargestellt.

Die Flügel stellen den Betrachtern links Szenen aus dem Marienleben vor Augen (s. Details: Verkündigung und Marienkrönung), rechts aus dem Leben Jesu. Das Retabel präsentiert somit Hauptszenen des Christentums. Mit welchen Themen die Außentafeln geschmückt waren, ist nicht überliefert, ebenso wenig die Anlässe seiner Öffnung: Anzunehmen ist eine Präsentation der Schauseite zumindest an allen wichtigen Festtagen.

Die Marienskulptur (Mitte 15. Jh.) über der Sakristeitür ist ein weiteres Objekt, an dem die Muttergottes im Chor der Reinoldikirche anwesend gemacht wird. Wie die Figuren im Hochaltarretabel, wie die großen Skulpturen Reinolds und Karls des Großen, wie auch die 12 Apostelskulpturen vor den Fenstern, wird Maria von einem Baldachin bekrönt. Ihre Auszeichnung als Himmelskönigin durch die Krone, die sie trägt, wird somit verstärkt und weit sichtbar gemacht. Auch Maria steht auf einem Kapitell, das von einem Adler – dem Wappentier Dortmunds und des Reiches – geschmückt wird. Man wird ihr In-Erscheinung-Treten hier, genau zwischen dem Chorgestühl des Rates und den vom Rat verwalteten Reliquien des Stadtpatrons, als eine weitere sichtbar machende himmlische Bestätigung der sakral-politischen Handlungen der Stadt auffassen können. Die im 19. Jahrhundert noch bemalte Figur ist aus Sandstein und wurde wahrscheinlich aus den Niederlanden importiert.

Ein Importstück aus dem Maasland, einem damaligen Kunstzentrum für Bronzeobjekte, ist wahrscheinlich das kostbare bronzene Adlerpult. Es entstand in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und diente den Lesungen des Evangeliums, worauf der Adler verweist, das Symboltier des Evangelisten Johannes.

Der mächtige Greifvogel, der wie auch der Löwe ein Christussymbol für Kraft und Stärke ist, hat die Schlange besiegt und hält sie zwischen seinen Krallen. Er umgreift dabei eine, von einer Säule gestützte, Kugel. Adler und Säulenarchitektur ruhen auf den Rücken von kleinen Löwenfiguren – so auch ehemals das Taufbecken. Auch die Reinoldskulptur steht auf einem Löwen-Adler-Kapitell (Mitte 15. Jh.), dessen Adlerfigur sich gestalterisch von diesem Pult ableitet.

In Dortmund ist der Adler zudem Wappentier, als zweiköpfiges Tier befindet er sich auch im Reichswappen und wird unter der Figur Karls des Großen von einem Engel vorgezeigt. Das Adlerpult kann in Dortmund neben seiner üblichen christlichen Symbolik also auch als politisches Zeichen von Macht und Kraft verstanden werden. Von anderen Adlerpulten ist bekannt, dass man über ein inneres Kanalsystem Dampf aus dem Schnabel strömen lassen konnte. Dieser Mechanismus konnte rhetorisch wirkungsvoll z.B. während einer Lesung eingesetzt werden.

1456 vollendete der Einsatz der Glasfenster die Fertigstellung des Chorneubaus. Von den ursprünglichen neun Lanzettbahnen konnte nur ein Fensterelement vor der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges gerettet werden, das heute im Turm eingesetzt ist. Es stellt die vier lateinischen Kirchenväter dar, die, jeweils unter einem Baldachin stehend, ihre Attribute in Händen halten (von links nach rechts: Augustinus, Ambrosius, Hieronymus, Gregor). Die zerstörten Fenster zeigten weitere Hauptheilige des Christentums, Szenen aus dem Leben Mariens und Christi sowie an zentraler Stelle im Chorscheitel den Kaiser mit den Kurfürsten. Selbst das einzelne Fragment im Turm vermag durch die farbige Leuchtkraft des Glases noch heute eine Idee von der einstigen Raumwirkung des Chores zu vermitteln.

Das heute im Chor stehende bronzene Taufbecken war zur Zeit seiner Herstellung 1469 wahrscheinlich im Westen der Kirche aufgestellt worden. Die seitlich angebrachten, auf Löwen ruhenden sechs Streben sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Drei in mittelniederrheinischer Sprache formulierte Inschriften führen um das Becken herum: Die beiden auf dem oberen Rand und in der Mitte des Kelches sind Taufsprüche, die Inschrift am Fuß des Beckens (Detail unten) bekundet, dass der Dortmunder Bürger und Glockengießer Johann Winnenbrock dieses Becken 1469 goss. Die Familie Winnenbrock war mit ihren Werken im westfälischen Raum bekannt. In Dortmund schuf Johann Winnenbrock auch mindestens eine der heute nicht mehr existierenden Glocken der Reinoldikirche.

Von den mittelalterlichen Glocken der Reinoldikirche, die auch als Warnsignale läuteten, ist keine erhalten geblieben. Laut der städtischen Dortmunder Chronistik läuteten bei der Ankunft der Reliquien des hl. Reinold die Glocken der Stadt von selbst.

1661 wurden beim Turmeinsturz 8 von 11 Glocken zerstört. Angebracht im Glockenturm, war ihr bildlicher Schmuck auch für die Zeitgenossen nach der Glockenweihe nicht mehr zu sehen: Die sog. große Feuer- und Sturmglocke zeigte zwei Standbilder des hl. Reinold – über einem der beiden verwies die Glocke auf Ihren Gießer: „Johan Wynenbrock goit my” (Johan Wynenbrock goss mich) (vgl. Taufbecken), über dem anderen auf ihre Funktion, im Namen des Kirchenpatrons zu läuten: „S. reynoldus vocor“ (Sankt Reinold heiße ich).

1917 wurden die dann noch bestehenden vier Bronzeglocken aus dem 19. Jahrhundert in einer „allgemeinen Landesfeier” „verabschiedet” bevor man sie einschmolz und für die Kriegsrüstung verwendete. Die neuen Gussstahlglocken trugen reichspropagandistisch die Namen: „Lutherglocke” (Inschrift: „Eine feste Burg ist unser Gott”), „Hindenburgglocke” (Inschrift: „ Es streit für uns der rechte Mann”), „Kaiserglocke“ (Inschrift: „Das Reich muss uns doch bleiben.”), sowie „Reinoldusglocke” (Inschrift: „Lass fahrn dahin, sie haben’s kein’ Gewinn”). Die „Kaiserglocke” ist erhalten und steht heute auf dem Hellweg vor der Kirche. Die heutigen sechs Glocken bestehen aus Stahl und befinden sich seit 1954 im Glockenstuhl.